Pakete gegen die Angst: Warum wir CSDs ausstatten

Am 13. Juni war in Eberswalde Pride. Ein Teilnehmer wurde schon vorher angegriffen – von jemandem, der später bei der Neonazi-Gegenkundgebung mitlief. Das teilte die Polizei im Nachgang mit. Genau deshalb verschicken wir Pakete.

Was da gerade passiert
Es ist das dritte Jahr in Folge, dass Neonazis sich gezielt auf CSDs einschießen. Nicht auf die großen Paraden in Köln oder Berlin, wo eine halbe Million Menschen mitläuft und ein paar Dutzend Rechte im Gegenprotest untergehen. Sondern auf die kleinen. Auf die in Städten, wo zweihundert Leute die Straße runterlaufen und jeder jeden kennt.
Die Zahlen dazu sind unangenehm konkret. Die Amadeu Antonio Stiftung hat für 2024 insgesamt 55 Angriffe auf CSDs gezählt. Im selben Jahr standen in Bautzen rund 700 Gegendemonstrierende etwa 1.000 CSD-Teilnehmenden gegenüber. Bei mindestens fünf Anti-CSD-Demonstrationen kam es zu Angriffen oder Angriffsversuchen; bei sechs Veranstaltungen musste die Polizei einschreiten, weil der sogenannte Gegenprotest zu nah an die Parade kam. In Leipzig hielt die Polizei rund 400 Neonazis am Bahnsteig fest.
2025 kamen zu den jungen Gruppen die alten Strukturen dazu: Die Jungen Nationalisten, Jugendorganisation der Partei Die Heimat, und der III. Weg meldeten vermehrt selbst queerfeindliche Demonstrationen an. Und 2026 läuft es weiter. In Brandenburg mobilisierten die Gruppen Deutsche Patrioten Voran und Jägertruppe gleich mehrfach – am 30. Mai in Frankfurt (Oder), am 13. Juni in Eberswalde.
Warum das die Kleinstädte härter trifft
In Berlin ist eine Anti-CSD-Demo eine Randnotiz. Zum Aufmarsch gegen den Berliner CSD am 25. Juli 2026 kamen 18 Leute.
In einer Stadt mit 30.000 Einwohner:innen ist dieselbe Zahl etwas völlig anderes. Da sind vierzig Neonazis am Straßenrand keine Randnotiz, sondern die Leute, denen du am Montag in der Berufsschule wieder begegnest. Da geht es nicht darum, ob die Parade gestört wird – sondern darum, ob sich der 17-Jährige aus dem Nachbardorf überhaupt traut hinzugehen.
Genau da entscheidet sich, ob ein CSD stattfindet oder nicht. Nicht am Gegenprotest. An der Angst davor.
Was wir machen
Im vergangenen Jahr haben wir zum ersten Mal kostenlose Aktionspakete an CSD-Organisationen verschickt. Inzwischen sind mehrere hundert Pakete raus.
Was drin ist:
- Infomaterial – damit vor Ort auch die informiert werden, die zum ersten Mal da sind
- Sticker – zum Verteilen am Stand, an der Strecke, in der Schule danach
- Fahnen – weil ein sichtbarer Block etwas anderes ist als zweihundert Einzelpersonen
- Tröten – klingt albern, ist es nicht. Wer den Neonazi-Sprechchor nicht hört, hat weniger Angst
Wir stellen keine Bedingungen. Kein Antrag, keine Abrechnung, keine Gegenleistung. Wer einen CSD organisiert und Material braucht, kriegt Material.
Reichweite ist auch Material
Ein Paket hilft vor Ort. Aber das Problem fängt oft früher an: Ein CSD in einer Kleinstadt taucht in keiner Zeitung auf, kriegt keine Reichweite, und wer zwei Dörfer weiter wohnt, erfährt gar nicht davon. Während die Gegenseite ihre Aufmärsche wochenlang über TikTok und Telegram durchdrückt.
Deshalb geben wir unsere Kanäle her. Wir posten gezielt CSDs aus Regionen, in denen mit Bedrohungen oder Gegenmobilisierung zu rechnen ist – die kleinen, die es am nötigsten haben, nicht die, die ohnehin jeder kennt. Wer mehr Leute auf der Straße hat, ist sicherer. Das ist keine Symbolpolitik, das ist der Unterschied zwischen zweihundert Menschen und sechshundert.

Warum wir das machen
Manche fragen uns, was CSDs mit einer Kampagne gegen Nazis zu tun haben. Die Antwort ist unspektakulär: Menschen anzugreifen, weil sie schwul, lesbisch, bi, trans oder nichtbinär sind, ist ein Kernbestandteil dessen, was die extreme Rechte will. Queere Menschen zu unterstützen und zu schützen ist deshalb kein Nebenschauplatz unserer Arbeit. Es steht wörtlich in unserer Satzung, und es ist einer der Gründe, warum es uns überhaupt gibt.
Wir sind seit 2006 dabei. Die Gruppen, die heute vor CSDs aufmarschieren, gab es damals noch nicht. Andere gab es dafür schon, und die sind auch wieder da. Was sich nicht geändert hat: Wer sich alleine fühlt, geht nicht hin. Wer Rückendeckung spürt, schon.
Ein paar hundert Pakete sind kein Schutzschild. Aber sie sind ein Anfang – und sie sagen den Leuten vor Ort: Ihr macht das nicht allein.

